SoSein - Inspiration

 

 

 

 

Hier habe ich eine Sammlung an inspirierenden Texten & Gedichte für Dich!

 

 

 

 

 

 

 

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Vom Krieger, der bereit war zu sterben

 

Es war zu der Zeit, als alle auf dieser Welt an ihrem Platz waren. Die Mamas hatten Kinder, die Väter so viel Zeit, wie sie für die Familie wollten. Straßenkehrer kehrten pfeifend die Straßen und wenn sie keine Lust hatten, übernehmen Roboter die Aufgabe. Philosophen philosophierten, Forscher forschten und manchmal philosophierten die Philosophen über die Forschungsergebnisse der Forscher.

 

Die Welt war ein friedlicher Ort, denn jeder Mensch war an seinem Platz. Jeder tat das, wofür er hier war, was seiner Bestimmung entsprach. Und niemand machte sich einen Kopf darüber, ob die Bestimmung des einen wichtiger oder bedeutsamer war als die eigene. "Wenn jeder an seinem Platz ist, geht es allen gut", war das Credo dieser Welt. Und so war es.

 

In dieser Welt, wo jeder an seinem Platz war, gab es auch einen abgetrennten Teil. Er war schwarzweiß. Und dieser Teil hatte nichts mit dem anderen zu tun. Es war der Ort des Krieges und dort hielten sich die Menschen auf, die es als ihre Bestimmung empfanden zu kämpfen. Es wurde gemetzelt und gemordet, geschrieen und geflucht.

Jetzt magst du sagen: "Aber in einer perfekten Welt sollte es keine Kriege mehr geben." Interessant. Wo sollte denn dann aber der Platz sein für Menschen, die Kampf als ihre Bestimmung sehen? Und alle Menschen wussten das. Es war nicht an Peter und auch nicht an Paul, über andere zu richten.

So lachten und lebten die einen ein buntes Leben, während die anderen in Schwarzweiß kämpften und keuchten.

Eines Tages hatte aber einer der Krieger Zweifel. Er fing an sich zu fragen, ob das wirklich alles sei auf dieser Welt, die Axt zu schwingen und möglichst viele zu töten, während man selber überlebte. Wochenlang erzählte er niemandem, was ihn beschäftigte, er wagte es nicht, den Sinn des Kämpfens anzuzweifeln.

In einer der Kampfpausen saß er unter einem Baum, ruhte sich aus und dachte nach. Da kam ein alter Krieger auf ihn zu. Er hatte ein zerfranstes Hemd an, die Ärmel bis zum Ellbogen hochgekrempelt, und setzte sich ohne zu fragen neben den nachdenklichen Krieger.

"Na, bist du des Kämpfens müde?", fragte er den Nachsinnenden unverblümt. "Wie kommst du darauf?", fuhr ihn der andere an, während er aufsprang und zur Verteidigung die Kampfaxt hob. Der Alte lachte. "Setz dich, ich tue dir nichts. Wir machen gerade Pause, da tötet man keine Menschen." Zögerlich ließ der Jüngere die Axt sinken, mit Skepsis im Gesicht und gleichzeitig auch Neugierde.

"Es ist ok, wenn du dich fragst, ob Kämpfen wirklich alles ist", lächelte der Alte. Der andere schwieg, er wagte es nicht, offen den Sinn seines Lebens anzuzweifeln. Sein Platz war doch das Schlachtfeld, immer gewesen! "Es gibt einen Ort auf dieser Welt, dort kämpft niemand", fuhr der alte Krieger fort. Jetzt sprang der junge Krieger wieder auf, die Axt drohend zum Schlag ausholend: "Du lügst!!! Die ganz Welt ist ein Schlachtfeld und wir sind hier, um zu kämpfen! Nur so überlebt man auf der Erde!" Doch irgendetwas ließ ihn zögern, den anderen einfach zu töten, obwohl es sehr leicht gewesen wäre, wehrte dieser sich doch kein Bisschen.

"Du irrst. Und ich will es dir beweisen, wenn du dir einen Beweis wünschst." Er wartete kurz und fing dann an, seinen rechten zerfransten Ärmel hochzuschieben. Der junge Krieger konnte kaum glauben, was er dort sah: Auf dem Oberarm prangerte ein Tattoo, wie er es noch nie gesehen hatte - denn es war in Farbe! Noch nie hatte er Farbe gesehen und ihm verschlug es den Atem! Ob das Hexenkunst war, von der er ab und zu etwas gehört hatte und für die man wohl auch Menschen tötete?

"Nein, da ist kein Hexenwerk", sagte der Alte, als hätte er die Gedanken des anderen Kriegers gehört. "Ich habe es aus der bunten Welt. Dort, wo auch jeder an seinem Platz ist, nur in Frieden, Harmonie und Freude. Ein Ort, wo Menschen sich nicht töten, sondern sich gegenseitig helfen, miteinander feiern und lachen. Und glaub mir, ein Ort, wo es wirklich lebenswert ist, unser Leben."

Die Axt senkte sich wieder. Der Anblick der Farbe sorgte dafür, dass der Junge sich fast wie benommen fühlte. irgendwie hatte er gespürt, dass es da noch was anderes geben musste, aber er hatte es nie wirklich greifen können. Der Ältere krempelte den Ärmel wieder runter, denn niemand sonst sollte sehen, was er am Arm trug. Er erzählte dem verwirrten jungen Krieger von dem anderen Teil der Welt, wie er dort früher gelebt hatte und dann eines Tages gewechselt hatte auf die Seite des Krieges.

"Wie kommt man dorthin?", wollte der Junge wissen, mehr und mehr in den Bann gezogen von dem Leben, von dem andere andere sprach. "Ich kann dir sagen, wo der Vorhang ist, der die Welten trennt. Und ja, es ist dir möglich, ihn zu durchschreiten. Es gibt nur eine Bedingung, die du erfüllen musst, um hindurch gehen zu können." "Welche ist das?", wollte der Junge begierig wissen. "Du musst alle deine Waffen an Ort und Stelle fallen lassen und schwören, sie nicht mehr zu benutzen. Denn ein Kämpfer kann den Vorhang nicht durchschreiten. Es sind die Waffen und die Bereitschaft zu töten, zu verletzen und letztlich der Glaube daran, dass dies die eigene Bestimmung ist, die es unmöglich machen, auf die bunte Seite der Welt zu wechseln."

Der junge Krieger erschrak. Seine Waffen niederlegen? Das würde seinen sicheren Tod bedeuten, so würde er es keine Meile weit schaffen! Es musste ein Trick sein, damit der andere ihn töten könnte, ja, so musste es sein! Wobei, er machte nicht den Eindruck, als wäre er gerade auf Töten aus. Aber sicher konnte er nicht sein. Nein, die Waffen niederlegen, das war nur etwas, was dumme Krieger taten, und sie bezahlten meist mit dem Leben.

"Ich weiß, was du denkst. Nur ist es nicht meine Absicht, dich zu töten. Dann hätte ich dich vorhin einfach von hinten erschlagen, als du nachdenken unter dem Baum saßest. Ich aber bin hier, um dir zu sagen, dass deine Zweifel an einem Leben voller Kampf berechtigt sind und dass es einen Weg gibt. Ja, du gehst ein Risiko ein, das ist richtig. Am Ende wirst du wählen müssen, ob du deiner wahren Bestimmung folgst und auf die anderen Seite wechselst oder ob du dein Leben im vermeintlich sicheren Kampf weiterleben willst, der dich in jedem Fall umbringen wird, früher oder später."

Der junge Krieger dachte fiebrig nach. Schließlich stieß er hervor: "Ha! Wenn es dort so wunderbar ist, wie du sagst, warum wärst du dann so dumm gewesen, auf diese Seite zu kommen, wo alles schwarzweiß und düster und voller Tod ist?"
Der Alte lächelte. "Weil ich erkannt habe, dass es meine Bestimmung ist, den Kriegern und Mördern, die offen dafür sind, davon zu erzählen, dass es noch ein anderes Leben gibt." "Aber du könntest hier dabei sterben, nicht jeder ist so ein geduldiger Zuhörer wie ich." "Ich weiß", entgegnete der alte Krieger. "Nur ist das das Wesen einer Bestimmung: Du erkennst sie daran, dass du bereit wärst zu sterben, um sie zu erfüllen. Jede Mutter wird dir auf der drüberen Seite bestätigen, dass sie um das Risiko für ihr Leben weiß, wenn sie neues Leben gebärt. Und doch würde sie es lächelnd geben, um ihrem Kind es zu schenken. Der Lohn für die Bereitschaft zu sterben, um seiner Bestimmung zu folgen, ist so köstlich, so mannigfaltig und so reich, dass kein Tod dieser Welt ihn verderben könnte."

Schweigend dachte der jüngere Krieger nach. Die Worte des Alten waren ehrlich und wahr, das konnte er spüren. Zum ersten Mal war er hier einem Menschen begegnet, der ehrlich war. Das kannte er aus seiner verlogenen, betrügenden und mordenden Welt nicht. Es berührte ihn tief drinnen an einem Ort, den er bisher nie gespürt hatte: sein Herz. Und er wusste, dass es nun kein Zurück mehr für ihn geben würde. Denn wer einmal die Wahrheit und die Liebe im Ansatz gespürt hat, will nie wieder in der Dunkelheit versinken.

Voller Angst und mit zitternden Knien ließ er seine Axt und seine drei Messer fallen, auch das Schild. Nackt stand er vor einem voll bewaffneten Krieger und er wusste, er könnte jeden Moment sterben. Doch der Wunsch zu leben war größer. "Zeig mir den Weg", sagte er mit bebender Stimme. "Dein Wunsch ist mir Befehl", lächelte der Alte und berührte ihn freundschaftlich an der Schulter, noch eine neue Erfahrung für den jungen Krieger.

"Und jetzt, wo du dich deinem Tod gestellt hast, um das Leben zu finden, verrate ich dir, dass du keine Angst haben musst. Denn ich werde auf jedem Schritt bis zum Vorhang an deiner Seite sein. Ich trage die Waffen, die dich schützen. Und damit du das bunte Leben kennenlernen kannst, würde ich ohne zu zögern sterben. Dein neues Leben hat begonnen, als du deine Angst besiegt hast. Und nun komm, mein Freund, ich werde dich sicher an dein Ziel bringen."

So begannen beide gemeinsam ihre Reise, die von Erfüllung und Bestimmung gesäumt war. Und beide hätten sich nicht reicher und glücklicher fühlen können als in diesem Moment.

- Silvia Maria Engl   www.silvia-maria-engl.com

Foto@pixabay / Feb.2021